You are currently viewing Meine Schulzeit – Unverständnis, Mobbing, Qual
Foto von Siora Photography auf Unsplash
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Lange habe ich mir überlegt, ob ich über meine Schulzeit einen Beitrag schreibe. Für mich war meine Andersartigkeit eine Qual sondergleichen. Mein Autismus belastet mich nicht erst seit gestern, sondern bereits seit vielen, vielen Jahren.

Bis zur 5. Klasse lebte ich relativ unbeschwert, doch schon bald begannen die Sticheleien. Ich war der Sonderling und dankbares Opfer meiner Mitschüler. Freunde hatte ich keine. Diejenigen, die einmal bei mir zu Hause waren, kann ich an einer Hand abzählen. Ich mochte es auch nicht, denn es war meine Privatsphäre und da hatte niemand etwas zu suchen. Wenn ich mich doch einmal dazu durchgerungen hatte, war ich immer froh, wenn der Besuch zu Ende war. Ich wollte alleine sein, mich mit meinen Interessen beschäftigen. Während andere Fussball spielten, beobachtete ich lieber Wasser aus Pfützen unter dem Mikroskop oder führte chemische Experimente durch. Einem Ball hinterherzurennen und diesen in ein Netz zu befördern, konnte ich nie viel abgewinnen. Aber Ja, ich habe mitgespielt, gerade mit den Nachbarskindern.

In der Schule war ich oft Opfer von richtig fiesem Mobbing. Selbst Lehrer haben mitgemacht oder weggeschaut. Beispiel gefällig? Ich wurde während des Handarbeitsunterrichtes auf ein Schülerpult gefesselt. Denken Sie, die Lehrerin hätte interveniert? Nein, ich war ja der Sonderling. Richtig demütigend ist es, wenn man von einer Lehrerin vor der ganzen Klasse mit den Worten: “Englisch wirst du nie können, das vergiss mal”, herunter geputzt wird. Nun ja, mittlerweile spreche ich diese Sprache fliessend, in mehreren Dialekten – vermutlich als meine damalige Lehrerin. Auch bei anderen Gelegenheiten haben mich gewisse Lehrer absichtlich auflaufen lassen. Warum? Haben sie sich dann besser gefühlt? Ich weiss es bis heute nicht. Ich hatte Kontakt mit einem ehemaligen Lehrer. Er wollte sich mit mir treffen – jetzt, wo er weiss, dass ich Autist bin. Doch auch das ist im Sande verlaufen. Mir ist es recht, ich mag sowieso keine solchen Treffen.

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Wenn man sich jede Pause, wirklich in jeder und nicht nur in der grossen Pause, in der Toilette einsperrt, damit man nicht gequält werden kann, dann läuft an einer Schule einiges schief. Wie oft wurde mir das Pausenbrot geklaut, wie oft wurde ich getreten, wie oft wurde mir etwas in die Schuhe geschoben? Ich weiss es nicht. Mir wurden dauernd Dinge gestohlen, oder noch besser, ich wurde beschuldigt, wenn irgendetwas vorgefallen war. Dies führte so oft in einen Shutdown, und ich war den Mitschülern hilflos ausgeliefert. Erst heute weiss ich, dass ich schon zu der Zeit fast täglich Shutdowns hatte. Dass es unter diesen Umständen mit meinen Noten nicht gerade zum Besten stand, liegt wohl auf der Hand. Für mich war es ein Überleben an dieser Schule und ich versagte jeden Tag, da ich die ganzen Rituale und sozialen Gepflogenheiten nicht verstand – und es selbst heute nicht verstehe.

Wissen Sie, was das Schlimmste an der Ganzen Sache war? Meine Grossmutter hatte mir einmal gesagt, dass alles leichter wird, wenn man lächelt. Also habe ich gelächelt: Wenn ich geschlagen wurde, wenn ich getreten wurde oder wenn ich eingesperrt worden bin. Die Lehrkräfte haben mich blossgesellt? Ich habe gelächelt. Wie so oft hatte ich diesen gut gemeinten Rat komplett falsch verstanden. Also galt ich als dümmlich. Denn nur dumme Menschen lächeln, wenn man ihnen Schmerzen zufügt oder sie demütigt. Oder man ist, so wie ich, Autist und versteht es schlicht und einfach nicht. Einer der Gründe, warum ich heute keinerlei Geduld habe, wenn Menschen etwas nicht verstehen, das für mich offensichtlich ist. Ich bin ja der, der neurologisch langsam ist.

Habe ich zu Hause darüber gesprochen? Selbstverständlich nicht. Auch da hatte ich meine “Fassade”, meine “Maske”, mein “Aussen-Ich” aufgesetzt. Niemand hat es bemerkt. Und so habe ich all die Jahre still und leise vor mich hin gelitten. Jeden Tag. Manchmal konnte ich nicht mehr und habe geweint, ich wollte nicht mehr zur Schule gehen. Da ich mich nicht artikulieren kann, wenn es um mich geht und mich in den Shutdown führt, musste ich trotzdem immer wieder dorthin. Jeden verdammten Tag. Es wurde so interpretiert, als wollte ich nicht hingehen, weil meine Noten unter aller Sau waren. Es war anders. Die Noten waren unter aller Sau, weil ich mit den Mitschülern und den Lehrern überfordert war. Es war die Hölle auf Erden.

Ist es heute anders? Nein. Auch heute, mit 40 Jahren, weine ich oft, weil ich nicht zur Arbeit will. Die Menschen überfordern mich. Jeden Tag aufs Neue. Es ist einfach eine Qual, die Türklinke zu drücken und wieder in diese, mir fremde, Welt zu gehen.

Seit ich 13 Jahre alt bin, begleiten mich zahlreiche Shutdowns und Meltdowns. Seit fast 30 Jahren quäle ich mich durch diese Welt und habe nie gewusst, warum ich anders bin. Warum ich leiden muss. Warum auf mich eingetreten wird. Selbst heute wird tagtäglich auf mich eingetreten, verbal, sozial. Meistens unabsichtlich.

Bin ich deswegen auf jemanden sauer? Die Antwort lautet: Nein. Es ist, wie es ist. Sie können genau so wenig dafür, dass ich so bin, wie ich.

Manchmal frage ich mich, was ich wohl hätte erreichen können, wenn ich nicht dauernd niedergemacht worden wäre. Wenn die Lehrer und Lehrerinnen sich mehr gekümmert hätten. Wenn mein Autismus in der Kindheit aufgedeckt worden wäre. Wenn ich entsprechend gefördert worden wäre. Doch es ist anders gekommen.

Haben Sie ein schönes Leben und schauen Sie zu Ihren Kindern.

Disclaimer:
Die Beiträge bilden nur meine Meinung ab. Sie haben Ihre eigene – grossartig! Wir können alle Freunde sein.

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