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Photo by Jen P. on Unsplash
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Für mich ist es ein ganz normaler Morgen. Das heisst, ich bin vor dem Wecker wach, so gegen 05:23 Uhr. Ich ziehe die Bettdecke über meine Ohren. Doch höre ich sie schon wieder, diese Geräusche: das Husten des Nachbarn, das Hochrollen der Jalousien zwei Stockwerke tiefer. Dabei ist dies noch die friedlichste Zeit, wenn die meisten Menschen noch schlafen.

Ruckartig werfe ich die Decke zurück und richte mich im Bett auf. Nur auf den Zehenspitzen gehe ich ins Bad, denn ich mag es nicht, wenn meine Füsse den Boden komplett berühren. Noch tappe ich im Dunkeln vorwärts, ich kenne den Weg. Doch im Bad bleibt mir nichts anderes übrig, als den Lichtschalter zu betätigen. Grell flammt das Licht auf. Es schmerzt in meinen Augen, es ist viel zu durchdringend und blendet mich. Ich ziehe den Duschvorhang zurück und stelle mich unter die Dusche. Die Handbrause wird so eingestellt, dass das Wasser gerade so aus der Brause fliesst und nicht umschaltet. Selbst dieser minimale Wasserstrahl fühlt sich unangenehm hart auf der Haut an. Das Duschgel riecht viel zu streng, wenn ich mich einseife. Die nächste Herausforderung ist das Badetuch: selbst dieses weiche kratzt sehr unangenehm auf der Haut, weshalb ich ich nur den Oberkörper trockne. Das einzige Highlight ist der sanfte Wasserdampf, den ich einatme. Diesen empfinde ich als angenehm.

Heute ziehe ich ein neu gekauftes Hemd an. Ich mag keine neue Kleidung, ich mag selten neue Dinge. Der unbekannte Stoff fühlt sich ungewohnt und unangenehm an auf der Haut. Nach dem Anziehen begebe ich mich in die Küche, im Dunkeln. Zwei Rollos habe ich hochgezogen, denn ich bevorzuge das dämmerige Licht von draussen. Wie immer, genehmige ich mir ein Glas Wasser, um meine zahlreichen Vitaminpillen herunterzuschlucken. Die Substanzen benötige ich, um die kognitiven Fähigkeiten meinerseits auszuschöpfen.

Anschließend ziehe ich Jacke und Schuhe an und stecke Handy, Schlüssel, Portemonnaie, Lippen-Pomade, Brillenputztuch und Taschentuch ein. Diese Dinge müssen zwingend dabei sein, andernfalls kann ich das Haus nicht verlassen. Es ist ein Zwang – einer von vielen. Nun stehe ich vor der Tür, welche sich bedrohlich vor mir präsentiert. Für mich kommt jetzt der allerhärteste Teil. Den Schlüssel ins Schloss zu stecken, ihn zu drehen und die Tür zu öffnen.

Alles sträubt sich dagegen. Was will ich da draussen? Der Lärm der Vögel, Autos, Lastwagen, Baustellen, Kinder, Tiere, Handys schmerzt in meinen Ohren, das Licht blendet überall. Baustellen, Chaos, Hektik – damit komme ich nicht klar. Die Menschen riechen unangenehm, zudem verstehe ich sie nicht. Ich bin ein Fremder in dieser Welt da draussen, dort passe ich nicht hinein. Hier in meiner Wohnung ist alles schön aufgeräumt. Niemand verletzt mich. Niemand guckt mich komisch an. Ich muss niemanden verstehen und kann meinen Dingen nachgehen.

Ein grosser Klos bildet sich in meinem Hals, Angst breitet sich aus, ich spüre die Starre in mir. Soll ich? Soll ich nicht?

Ich drehe den Schlüssel, öffne die Tür und gehe nach draussen. Irgendwie werde ich auch diesen Tag überleben – wie jeden anderen in den vergangenen 40 Jahren. Irgendwie schlage ich mich durch. Durch den Dschungel an Dingen, die ich nicht verstehe. Bis ich abends die Tür wieder hinter mir schliessen kann. Und zurück bin. In meiner Welt.

Disclaimer:
Die Beiträge bilden nur meine Meinung ab. Sie haben Ihre eigene – grossartig! Wir können alle Freunde sein.

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