You are currently viewing Mein Weg zur Asperger-Diagnose
Photo by mari lezhava on Unsplash
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Heute nehme ich Sie mit auf eine Reise, die Ihnen meinen Weg zur Abklärung für eine mögliche autistische Störung (was für eine diskriminierende und dämliche Bezeichnung) aufzeigt. Vielleicht kann ich Ihnen meine Welt etwas näherbringen und für etwas Verständnis für das “Anderssein” sorgen.

Es ist der 1. Februar 2022. Ich bin auf dem Weg zu einer Fachstelle für Asperger-Diagnose. Da sich die Stelle in der Stadt befindet, fahre ich mit dem Zug, da ich Stadtfahrten mit dem Auto überhaupt nicht mag. Klar, ich fahre sicher. Allerdings erhalte ich so viele Eindrücke, dass ich danach noch platter bin, als an einem normalen Tag. Obwohl, Zugfahren ist auch eine Gräuel. Die stickigen Abteile, die Gerüche von all den Menschen. Parfums, Shampoos, Schweiss und anderer Dinge. Ganz zu schweigen von den ohrenbetäubenden Durchsagen in den Zügen. Dieses Gelaber in mindestens drei Sprachen über Anschlüsse, Verspätungen und Maskenpflicht machen mich fast wahnsinnig.

Natürlich bin ich sehr früh vor der Fachstelle, eine Stunde, um genau zu sein. Ein unbekannter Ort weckt in mir Unbehagen und ich benötige Zeit, mich an die Umgebung zu gewöhnen. Drei Minuten vor der Zeit begebe ich mich an den Empfang. Die nette Dame führt mich zum Warteraum. Wieder ist es zum Wahnsinnigwerden. Der Kühlschrank kühlt mit einer Lärmemission sondergleichen. Ich setze mich ganz hinten auf einen Stuhl, so dass ich alles im Überblick habe und niemand von hinten kommen kann. Mir entgeht nichts. Ein Arzt geht zum Empfang und spricht mit den beiden Empfangsleuten. Zwei füllige Damen genehmigen sich einen Kaffee. Die Toilettenspülung im oberen Stock wird betätigt. Im Raum hinter mir wird ein Stuhl herumgerückt. Es riecht nach Desinfektionsmittel, kaltem Zigarettenrauch, Putzmittel und vielen verschiedenen Menschen. Die Decke ist schmuddelig und in der Wand zu meiner Linken ist ein Riss. Der Boden hat auch länger keine Pflege mehr erhalten.

Nach 20 Minuten spricht mich die Empfangsdame an, ob denn der Arzt noch nicht da gewesen sei. “Nun ja, dann wäre ich wohl nicht mehr hier”, entgegne ich. Mir sind solche dümmlichen Fragen immer zuwider. Offensichtliches ist nun einmal offensichtlich.

30 Minuten später erscheint der Arzt und begrüsst mich freundlich. Wir begeben uns in ein stickiges Besprechungszimmer. Er bietet mir an, etwas zu lüften und ich solle mich dahinsetzen, wo ich mich wohlfühle. Oha. Anscheinend kennt er gewisse Bedürfnisse meinesgleichen. Die erste Überraschung, nachdem ich Kontakt mit richtigen Dilettanten auf diesem Gebiet hatte. Ich setze mich mit dem Rücken zum Fenster, damit ich die Tür im Blick behalten kann. Mir gegenüber ist wieder ein ziemlich grosser Riss in der Wand.

Der Arzt und ich sprechen eine ganze Weile darüber, wie ich mich so verhalte, was mich stört, was ich von anderen Menschen denke. Wie ich mich “anpasse”, wo ich mich wohlfühle. Er nimmt einige Dinge vorweg, was mich antreibt oder vertreibt und kann vieles eindeutig zuordnen. Er spricht mich darauf an, dass er nicht nur autistische Züge vermutet, sondern auch eine Höchstbegabung sowie eine Hypersensibilität. Die Superlative “Hoch” erachte er als zu wenig, argumentiert er.

Dies fühlte sich seltsam an. Bisher wurde ich immer als langsam oder dümmlich bezeichnet, plötzlich ist das Gegenteil der Fall. Ich spreche ihn darauf an, dass ich mit den Menschen grösstenteils nichts anfangen kann, weil ich sie nicht verstehe. Er gibt mir zu verstehen, dass es wohl nicht an mir liege, sondern dass die Menschen einfach nicht mit mir mithalten können. Eine Bankrotterklärung an die Schule meiner Kindheit.

Ziemlich spät am Abend beenden wir das Gespräch. Jetzt schöpft der Arzt aus den Vollen: Er habe mich gar nicht gefragt, ob ich zur Toilette müsse. Er wisse, das Menschen wie ich das nicht fragen. Erwischt. Er fragt, ob ich denn überhaupt noch einen Zug nach Hause hätte. Er wisse, dass ich auch das auf mich nehmen würde, um den Erwartungen der Menschen gerecht zu werden. Erwischt. Ob er mich zur Tür begleiten solle. Ich erwidere, dass ich bis morgen früh hier herumirren würde, da ich keinerlei Orientierungssinn habe. Alles Punkte, die für eine ASS (Autismus-Spektrum-Störung) sprechen. Er drückte mir ein paar Bögen zum Ausfüllen in die Hand, anschliessend begeben wir uns zur Tür. Freundlich verabschiedet er mich und ich solle mich wegen des weiteren Vorgehens bei ihm melden.

Wieder muss ich das Gelabere im Zug, die grellen Lichter, das Quietschen der Bremsen, die Hydraulik der Zugtüren und viel zu viele Menschen ertragen. Zu Hause angekommen, bin ich froh, wieder in meiner Höhle zu sein. Raus aus dem Lärm und der Welt, die ich nicht verstehe. Solche Tage sind für mich enorm anstrengend.

Jetzt geht die Warterei los. Über den weiteren Verlauf kann ich leider erst in ca. 15 Monaten berichten. Solange dauert es, bis ein Platz für Menschen wie mich frei ist, damit eine Abklärung vorgenommen werden kann.

Es ist irgendwie traurig, dass Menschen wie ich keinerlei Gehör bei den anderen Menschen finden. Weil wir leise sind. Wir leiden still. Jeden Tag. Im Bemühen, uns anzupassen. Den Erwartungen zu entsprechen. Und es trotzdem niemals können werden.

Disclaimer:
Die Beiträge bilden nur meine Meinung ab. Sie haben Ihre eigene – grossartig! Wir können alle Freunde sein.

Mein Buchtipp: Die Autorin des Buches nimmt uns mit in ihren oft turbulenten Alltag mit ihrem Sohn Simon, einem Erwachsenen mit Asperger-Autismus.*:

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