Eine Reise zur Diagnose: Der Weg zur Abklärung einer möglichen autistischen Störung
Heute nehme ich Sie mit auf eine Reise, die Ihnen meinen Weg zur Abklärung in der UPD in Bern einer möglichen autistischen Störung (was für eine diskriminierende und dämliche Bezeichnung) aufzeigt. Vielleicht kann ich Ihnen meine Welt etwas näherbringen und für mehr Verständnis für das „Anderssein“ sorgen und der Bericht über meinen Weg zur Autismus-Diagnose kann anderen Menschen eine Hilfe sein.
Die Anreise: Ein Zug voller Reize
Es ist der 1. Februar 2022, also schon eine Weile her. Ich bin auf dem Weg zu einer Fachstelle für ASS – Autismus-Spektrum-Störungen. Da sich die Stelle in der Stadt befindet, fahre ich mit dem Zug, da ich Stadtfahrten mit dem Auto überhaupt nicht mag. Klar, ich fahre sicher, aber die vielen Eindrücke überfordern mich so sehr, dass ich danach noch erschöpfter bin als an einem normalen Tag. Wobei, auch Zugfahren ist für mich eine Qual: die stickigen Abteile, die Gerüche von all den Menschen – Parfums, Shampoos, Schweiß und andere Dinge. Ganz zu schweigen von den ohrenbetäubenden Durchsagen in den Zügen. Dieses Gerede in mindestens drei Sprachen über Anschlüsse, Verspätungen und Maskenpflicht macht mich fast wahnsinnig.
Vor Ort: Die ersten Eindrücke
Natürlich bin ich sehr früh vor der Fachstelle – eine Stunde, um genau zu sein. Ein unbekannter Ort weckt in mir Unbehagen, und ich benötige Zeit, mich an die Umgebung zu gewöhnen. Drei Minuten vor der vereinbarten Zeit begebe ich mich zum Empfang. Die nette Dame führt mich zum Warteraum. Wieder einmal ist es kaum auszuhalten: Der Kühlschrank brummt mit einer Lärmemission sondergleichen. Ich setze mich ganz hinten auf einen Stuhl, sodass ich alles im Überblick habe und niemand von hinten kommen kann. Mir entgeht nichts: Ein Arzt geht zum Empfang und spricht mit den beiden Empfangsdamen. Zwei füllige Frauen genehmigen sich einen Kaffee. Die Toilettenspülung im oberen Stockwerk wird betätigt. Im Raum hinter mir wird ein Stuhl herumgerückt. Es riecht nach Desinfektionsmittel, kaltem Zigarettenrauch, Putzmittel und vielen verschiedenen Menschen. Die Decke ist schmuddelig und in der Wand zu meiner Linken ist ein Riss. Auch der Boden hat schon länger keine Pflege mehr erhalten.
Das Gespräch: Diagnose und Reflexion
Nach 20 Minuten spricht mich die Empfangsdame an, ob der Arzt denn noch nicht da gewesen sei. „Nun ja, dann wäre ich wohl nicht mehr hier“, entgegne ich. Mir sind solche dümmlichen Fragen immer zuwider. Offensichtliches ist nun einmal offensichtlich.
30 Minuten später erscheint der Arzt und begrüßt mich freundlich. Wir begeben uns in ein stickiges Besprechungszimmer. Er bietet an, das Fenster zu öffnen, und ich solle mich dort hinsetzen, wo ich mich wohlfühle. Oha, anscheinend kennt er gewisse Bedürfnisse meinesgleichen. Das ist die erste Überraschung, nachdem ich bisher nur mit richtigen Dilettanten auf diesem Gebiet Kontakt hatte. Ich setze mich mit dem Rücken zum Fenster, damit ich die Tür im Blick behalten kann. Mir gegenüber entdecke ich wieder einen ziemlich großen Riss in der Wand.
Der Arzt und ich sprechen eine ganze Weile darüber, wie ich mich verhalte, was mich stört und was ich von anderen Menschen denke. Wir reden darüber, wie ich mich „anpasse“ und wo ich mich wohlfühle. Er nimmt einige Dinge vorweg, erkennt, was mich antreibt oder vertreibt, und kann vieles eindeutig zuordnen. Auch überdurchschnittliche Intelligenz ist ein Thema des Gesprächs.
Dies fühlt sich seltsam an. Bisher wurde ich immer als langsam oder dümmlich bezeichnet, plötzlich ist das Gegenteil der Fall. Ich spreche ihn darauf an, dass ich mit den meisten Menschen nichts anfangen kann, weil ich sie nicht verstehe. Er gibt mir zu verstehen, dass es wohl nicht an mir liege, sondern dass die Menschen einfach nicht mit mir mithalten können. Eine Bankrotterklärung an die Schule meiner Kindheit.
Die Erkenntnis: Mehr als nur Anpassung
Ziemlich spät am Abend beenden wir das Gespräch. Jetzt schöpft der Arzt aus den Vollen: Er habe mich gar nicht gefragt, ob ich zur Toilette müsse. Er wisse, dass Menschen wie ich das nicht fragen. Erwischt. Er fragt, ob ich überhaupt noch einen Zug nach Hause hätte. Er wisse, dass ich auch das auf mich nehmen würde, um den Erwartungen der Menschen gerecht zu werden. Erwischt. Ob er mich zur Tür begleiten solle. Ich erwidere, dass ich bis morgen früh hier herumirren würde, da ich keinerlei Orientierungssinn habe. Alles Punkte, die für eine ASS (Autismus-Spektrum-Störung) sprechen. Er drückt mir ein paar Bögen zum Ausfüllen in die Hand, anschließend begeben wir uns zur Tür. Freundlich verabschiedet er mich und bittet mich, mich wegen des weiteren Vorgehens bei ihm zu melden.
Die Heimreise: Zurück in die eigene Welt
Wieder muss ich das Gerede im Zug, die grellen Lichter, das Quietschen der Bremsen, die Hydraulik der Zugtüren und viel zu viele Menschen ertragen. Zu Hause angekommen, bin ich froh, wieder in meiner Höhle zu sein. Raus aus dem Lärm und der Welt, die ich nicht verstehe. Solche Tage sind für mich enorm anstrengend.
Das Warten: Ein langer Weg zur Diagnose
Jetzt beginnt die Warterei. Über den weiteren Verlauf kann ich leider erst in etwa 15 Monaten berichten. So lange dauert es, bis ein Platz für Menschen wie mich frei wird, damit eine Abklärung vorgenommen werden kann. Über meinen Weg zur Autismus-Diagnose werde ich dann weiter berichten.
Es ist irgendwie traurig, dass Menschen wie ich keinerlei Gehör bei anderen Menschen finden. Weil wir leise sind. Wir leiden still. Jeden Tag. Im Bemühen, uns anzupassen. Den Erwartungen zu entsprechen. Und es trotzdem niemals schaffen werden.
Disclaimer:
Die Beiträge bilden nur meine Meinung ab. Sie haben Ihre eigene – großartig! Wir können alle Freunde sein.
