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Wir stehen in der Schlange zum Testen. Für meinen Mann und mich inzwischen ein bekanntes Prozedere, denn als binationales Paar ist Testen es Bedingung, damit wir uns sehen können.

Allerdings auch nur, weil wir in Schleswig-Holstein und im Emmental leben, für Zürich und Baden-Württemberg gilt das nicht – aber darauf möchte ich hier gar nicht eingehen.

Wir stehen also hier in der Kleinstadt mitten in der Schweiz in der Schlange zum Testen. Und die Schlange ist lang – und sie wird im Laufe der Wartezeit immer länger. Vor uns steht eine schöne Frau, schick gekleidet in den neuesten Herbstfarben. Hinter uns ein gepflegter Mann, moderne Jacke. Weiter vorne warten 4 junge Mädchen, vermutlich möchten sie am Wochenende ihre Freunde treffen. Zwischendrin sehe ich Handwerker, Pärchen, Männer mittleren Alters. Alles Menschen wie Du und ich. Alles ist friedlich, hier und da entstehen Gespräche und es wird gelacht. Es fehlen nur die Buden, dann wäre es eine Wohlfühlatmosphäre auf einem Weihnachtsmarkt.

Es geht nur langsam voran. Irgendwann erreichen wir den QR-Code zur Registrierung. Der gepflegte Mann hinter uns ist der älteren Dame bei der digitalen Herausforderung behilflich. Der Eingang ist in Sicht. In Dreiergruppen geht es hinein. Die Test-Organisatorin hat sich entschieden, den Spucktest (PCR-Test) anzubieten. „So haben wir kein Verletzungsrisiko, wie beim Nasentest.“, sie möchte nur das Beste für die Menschen, die sich einem Test unterziehen müssen.

Wir sind an der Reihe. Anmelden und bezahlen. Nun der Test. Ich habe Angst, das bereits erlebte aus den vergangenen Monaten ist noch nicht verarbeitet. Die letzte Probe im Testcenter des Spitals war der blanke Horror, als die Pflegekraft das Stäbchen bis zur Hirnrinde durchgehauen und dabei gefaucht hat: „Nicht zurückziehen!“ 

Das Team ist freundlich und mitfühlend. Nach 15 Sekunden ist alles vorbei und die Speichelprobe fertig fürs Labor.

Es kurz vor 18:00 Uhr, das Testcenter schließt gleich. Draußen warten noch ca. 100 Menschen, um mit dem Test für ein bis zwei Tage ein normales Leben zu führen. Diesen Menschen muss nun mitgeteilt werden, dass sie heute nicht mehr zum Testen kommen. Dabei haben wir nichts getan, wir sind sogar gesund. Wir möchten unsere Partner sehen, unsere Eltern im Seniorenheim besuchen oder einfach eine schöne Zeit mit Freunden verbringen. Doch das ist heutzutage nicht einfach so möglich.

Die Test-Organisatorin wird bekämpft, das Schaufenster ihres Kosmetikstudios ist beschmiert mit übelsten Parolen. Am Sonntag werde ich 55 Jahre alt und ich war immer dankbar, in Frieden und Freiheit zu leben und den 2. Weltkrieg nicht miterlebt zu haben. Heute sehe ich eine andere Art von Krieg – ohne Waffen. Doch geschossen wird trotzdem – gegen friedliebende Menschen und den gesunden Menschenverstand.

Was für eine Welt ist das geworden!

Mein Geburtstagswunsch:

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